Entwicklungshilfe – haben wir keine anderen Sorgen? (Dr. Völker)

Haben wir keine anderen Sorgen, als im entferntesten Winkel von Kolumbien, im Süden Afrikas und in Hinterindien Gebisse zu sanieren? Steckt die Realitätsflucht der Frustrierten dahinter oder gar nur verantwortungslose Abenteuerlust? Was sucht jemand heute noch in der Dritten Welt, wenn die zweite, direkt vor unserer Haustür, zur Sozialbrache mutiert ist? Die Zeiten sind schwer, die Kassen leer - Ende vom Lied!?

Punktwertfloating, Quecksilber-Diskussion, GOZ´88 und GSG´93 - es soll vorkommen, dass durch die Amalgamierung nur der genannten vier Stichworte schon das Füllen einer einfachen Klasse II Kavität zum Eiertanz zwischen Patientenvertrauen, Paragraphendschungel und Praxisökonomie ausartet: Zahnärzte-Alltag 1994. Und doch - oder gerade deshalb?- zieht es nicht eben wenige Kollegen in die Ferne.

Der Rückzug ins Überschaubare ist populär geworden. Die globale Vernetzung von Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur ruft Abwehr-Reaktionen hervor. Längst ist es erkannt: wir sind absolut überfordert! Nicht nur ist der Informationsfluss ein reißender Strom geworden, in dem wir zu ertrinken drohen, nein: das ständige Mitleiden mit (fast) allem Elend dieser Welt ist für uns Normalsterbliche einfach eine Nummer zu groß - die Steigerung der medialen Einschaltquote ist proportional zur emotionalen Abschaltquote. Und je enger wir selbst in das Netz von wirtschaftlichen Verflechtungen einbezogen werden, desto geringer ist unser Antrieb, darüber hinaus noch etwas zu tun. Zunehmend drohen wir in der Umklammerung aus Verpflichtungen und Reglementierungen zu ersticken: Für Regungen von frei erwachsendem sozialen Verantwortungsgefühl bleibt da wenig Raum. - Und genau hier liegt die Gefahr, letztlich auch für uns selbst.

Entgegen allen Äußerungen von Politik und Presse über das "Ärztepack" ist das Soziale immerhin die unverzichtbare Wurzel der Medizin (schon rein etymologisch wäre es barer Unfug, anderes zu behaupten!). Ein seit jeher wichtiges Motiv, in den Ländern des Südens zu arbeiten, ergibt sich durch den Versuch, endlich einmal frei von fachfremden Gängelungen den wahren Arzt-Impuls zu verwirklichen, uneigennützig hilfreich und ohne weiteren Erklärungsbedarf "in Worten und Taten klar zu sein", um es mit Camus zu sagen. Darin liegt meines Erachtens auch heute noch die Berechtigung für ein solches Unternehmen: Horizonte erweitern, Sich-selbst-kennenlernen, Maßstäbe für den Alltag entwickeln.

Unproblematisch ist das nicht! Es hat sich herumgesprochen, dass der alte "Entwicklungsdienst"-Gedanke heute nicht mehr zeitgemäß ist. Erstens ist offenbar geworden, dass wir selbst noch keineswegs am glorreichen Gipfelpunkt einer Entwicklung unseres eigenen Landes angekommen sind und zweitens sollten wir mutig genug sein, das Scheitern der Entwicklungstheorien der sechziger und siebziger Jahre zur Kenntnis zu nehmen. Die achtziger Jahre gelten weithin als entwicklungspolitisch verlorenes Jahrzehnt, die Rezepte greifen nicht, die Lage der Dritten Welt ist desolat. Desillusion und Ratlosigkeit bestimmen die einschlägige Literatur, auch mehren sich Hinweise auf die Schädlichkeit bestimmter Entwicklungsprojekte.

Zumindest in Hinblick auf unser Fachgebiet, die Zahnheilkunde, bezweifle ich allerdings, dass es in puncto Schädlichkeit Probleme geben kann. "Zahnärzte werden immer gebraucht", hat mir ein freundlicher Professor mit auf den Weg gegeben - solange wir unentgeltlich arbeiten und das Material kostenlos zur Verfügung stellen, gilt das sicher unbestritten... Die Zivilisationskrankheit Karies ist überall ein Problem, gerade auch in Ländern, wo Zucker eine Rolle als billiger Grundnahrungsmittel-Ersatz bekommen hat. Das Zauberwort für Breitenwirkung heißt Prophylaxe - ein geradezu unerlässlich gutes Buch mit vielen praktischen Anregungen hierzu heißt "Where there is no dentist" von Murray Dickson, Hesperian Foundation 1983, ca. 20DM. Sehr empfehlenswert und in mehreren Sprachen erhältlich! Prophylaxe allerdings ist ohne die Hilfe einheimischer Kräfte vor Ort (Gemeindehelfer, Kindergärtnerinnen, Lehrer) undenkbar. Genau das macht die Sache auch interessant, denn ohne die aktive Mitarbeit der Gastgeber bleibt unser Erscheinen ein singuläres Ereignis und verändert nichts. Aus eigenem Erleben kann ich bestätigen, wie schwer verdaulich die Kost aus Sprachschwierigkeiten, technischen Unzulänglichkeiten, Behördenproblemen und Mentalitätsdifferenzen werden kann. Ist der anfängliche Elan erst verflogen, der Reiz der Exotik erlahmt, sammeln sich die ungelösten Konflikte und Fragen an, verdichten sich irgendwann zur kritischen Masse und konfrontieren uns mit einem Gefühl fast unbezwingbarer Sinnlosigkeit. Meine Erfahrung ist, dass es ohne eine kontinuierlich begleitende geistige Arbeit nicht geht! Müde wird und mürbe, wer nicht ständig sehr genau weiß, was er denn eigentlich erreichen will. "Rein humanitär trägt das nicht durch", sagt Ruth Pfau, Lepraärztin in Pakistan mit christlichem Hintergrund. Ich denke, sie hat recht. - Der Unmut über das "Fass ohne Boden", die scheinbare Verlorenheit unserer Bemühungen angesichts augenscheinlich grenzenlosen Elends kann verzagt stimmen, ist aber irreal: Keine Träne auf dieser Welt ist wichtiger als irgendeine andere, irgendwo auf der Welt - jede getrocknete Träne zählt. "Gott zählt nur bis eins!"(André Frossard): Wir haben als Ärzte und Menschen keine andere Aufgabe, als den Ansprüchen an unsere Menschlichkeit im konkreten Moment gerecht zu werden.

Aber haben wir heute keine anderen Sorgen? - Wir haben sie, und wie! Umso notwendiger ist es, dass wir uns über die Art unserer Sorgen im Klaren bleiben. Meine Heimat hat sich verändert, seit ich ihr vorübergehend den Rücken kehrte. Aus der Ferne betrachtet, nimmt sich allerdings so manches, was uns in Deutschland bewegt, mit Verlaub, unverständlich kleinlich aus. Um es rundheraus zu sagen: das bundesrepublikanische Elend spielt sich auf verdammt hohem Niveau ab! Der Absturz aus einer Wohlstands- und Überflussgesellschaft in eine Neid- und Mißgunstgesellschaft ist unübersehbar. Vielleicht hängt auch beides miteinander zusammen, wie die zwei Seiten der Medaille - jedenfalls möchte man uns allen ein bisschen mehr Souveränität und Würde im Umgang mit unserer Art von Sorgen wünschen. Auch das ist erlernbar. Zum Beispiel in der Dritten Welt.

Nein, Arme sind keine besseren Menschen! Sie sind auch nicht immer und überall besonders dankbar. Wer das erwartet, wird mit Sicherheit enttäuscht werden! Ich hatte das Glück, Menschen zu treffen, die die enormen Schwierigkeiten mit der geradezu penetranten Überwinderkraft der Menschenliebe meisterten. Anders, das glaube ich inzwischen ganz gewiss, geht es nicht. "Hilfe" ist nicht selbstverständlich, sie geht über die Natur des Menschen hinaus, kann, wo sie nicht ehrlich gemeint ist, verletzen und ist in einer gesunden Form nur möglich, wo sich Menschen in Freiheit und in Respekt vor der Würde des Anderen begegnen. Darum auch taugen Luftbrücken, Hilfskonvois und militärgestützte Einsätze lediglich als Handreichung in aktuellen Notlagen - mit Entwicklungshilfe haben sie nichts zu tun. Niemals kann sich die gern zitierte "gestiegene Verantwortung Deutschlands in der Welt" auf derartige Aktionen beschränken: Entwicklung fördern kann man nicht von oben herab - an diesem Irrtum krankten schon die Kommunisten!

Die Politik wird immer Schwierigkeiten haben, diese Wahrheiten anzuerkennen und in der Praxis zu fördern - sie braucht das Spektakuläre! Es ist die Aufgabe jedes Einzelnen, sich nicht bevormunden zu lassen, die entstehenden Defizite aufzufangen und die Chance zu ergreifen, sich selbst und andere in Freiheit weiter zu entwickeln.

Dr. Rudolf Völker

Dieser Artikel erschien 1994 in den Zahnärztlichen Mitteilungen

Entwicklungshilfe – haben wir keine anderen Sorgen? (Dr. Völker)

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