Favela Monte Azul: Eine soziale Bildungswerkstatt in Brasilien

"Brasilien ist nur ein Beispiel. Brasilien ist überall. Und in Zukunft werden wir hier ähnliche Probleme zu bewältigen haben," so resümiert Dr. Rudolf Völker über seine Erfahrungen in der Favela Monte Azul in São Paulo. Vor 25 Jahren war er als junger Zahnarzt in der Favela tätig. In Abständen geht er immer wieder dorthin und unterstützt mittlerweile von Hamburg aus die Tätigkeiten der Associação Comunitária Monte Azul. 1975 entstand auf Initiative der Waldorflehrerin Ute Craemer zunächst im kleinen Rahmen eine pädagogische Arbeit mit den Kindern aus dem Elendsviertel. 1979 wurde der Verein „Associação Comunitária Monte Azul“ gegründet, in dem inzwischen hunderte von Mitarbeitern, darunter die meisten aus der Favela stammend, tätig sind. Monte Azul, zu deutsch „Blauer Berg“, hat bis heute Pioniercharakter und ist Vorbild für viele weitere brasilianische Initiativen.

Dr. Rudolf Völker ist Zahnarzt und Mitglied in der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte Deutschland, praktiziert in Hamburg seit 2002 und ist hier auch bekannt durch Vorträge zur Zahnmedizin (siehe Victor Thylmann Gesellschaft).

Interview mit Dr. Rudolf Völker

Das nachfolgende Interview mit Dr. Völker wurde im Oktober 2005 im Hamburger "Hinweis" veröffentlicht:

Christine Pflug: Wie kommen Sie zu diesem Thema „Elendsviertel in São Paulo“?

Dr. Rudolf Völker: Es hatte mich schon immer interessiert, als Arzt in der dritten Welt zu arbeiten. Wenn man einen Beruf ergreift, begegnen einem Vorbilder, und für mich waren Albert Schweitzer und der brasilianische Chirurg Ivo Pitanguy diejenigen, die mich inspirierten, diesen Beruf überhaupt zu ergreifen. Die Art und Weise, wie damals in der Kolonialzeit Albert Schweitzer seinen Beruf ausgeübt hatte, wäre heute allerdings so nicht mehr möglich. Insofern war ich auf der Suche nach etwas Zeitgemäßem. Als ich dann als Zahnmedizinstudent in Stuttgart auf dem Jungmedizinerkurs war, traf ich eine argentinische Zahnärztin, die mir von Ute Craemers Arbeit in den Slums von São Paulo erzählte. Mir war klar, dass es das ist, was ich machen wollte. Sie gab mir den sehr wertvollen Hinweis – ich war damals dreiundzwanzig - , doch erst einmal das Studium abzuschließen. So ging ich, meinen jugendlichen Eifer bremsend, erst nach meiner Assistenzzeit in einer Hamburger Praxis nach São Paulo, war aber davor schon einmal hingeflogen, um die Richtigkeit meines Impulses zu überprüfen. Ab 1992 begann der längere Aufenthalt in Brasilien, der eigentlich ein Jahr dauern sollte, aus dem dann aber eineinhalb Jahre wurden.

C. P.: Vor 10 Jahren gab es einmal ein Interview im HINWEIS mit Ute Craemer, als sie auf Verwandtschaftsbesuch in Hamburg war. Ihr Projekt ist auch weltweit bekannt, aber trotzdem noch einmal die grundsätzliche Frage: Was ist die Favela Monte Azul?

Dr. R. Völker: Favelas sind Slums, auf deutsch Elendsviertel. Es sind typischerweise in Großstädten gelegene Siedlungsgebiete, bestehend aus Wellblech- und Holzbaracken, die meist auf öffentlichem Grund errichtet werden, der eigentlich von niemand genutzt werden kann - beispielsweise direkt an Autobahnen oder an Berghängen mit ständiger Erosionsgefahr. Dort gehen die „Pioniere“ hin und bauen notdürftig eine erste Hüttenbehausung, und wenn sie dann nicht verjagt werden, bildet das die Grundlage für weitere Bautätigkeit und es entstehen dann auch die typischen rotgrauen Steinbehausungen einfachster Art.
So war das auch in Monte Azul, wo sich am Hang eines mit der Zeit ziemlich verschmutzten Baches, der durch ein Tal läuft, vor über 30 Jahren Menschen angesiedelt haben.

C. P.: Wie rudimentär hat man sich das vorzustellen? Gibt es Wasser, sanitäre Anlagen, Elektrizität - oder gar nichts?

Dr. R. Völker: In Monte Azul gab es eine Quelle, für viele auch noch zu meiner Zeit oft der einzige Zugang zu frischen Wasser. Über den Bach wurden dann viele häusliche Abwässer „entsorgt“. Zunächst mal gibt es aber meistens gar nichts, sondern nur die nackte Erde, meist abrutschgefährdet. Und das bleibt auch meistens so, es sei denn, sanierende Maßnahmen kommen dazu, wenn es gelungen ist, durchzusetzen, dass die Menschen dort bleiben dürfen. Im Falle von Monte Azul war es so, auch durch das weltweite Bekanntwerden des Projekts, dass der Präfekt der Stadt 1993 Besitzurkunden an die Bewohner ausgeteilt hat. Dadurch konnten sie beginnen, auf einer etwas abgesicherteren Grundlage zu investieren, denn sonst leben sie mit dem ständigen Risiko, dass der wenige Besitz am Ende vom Bagger vernichtet wird.
Favela-Bewohner sind meist Menschen, die aus anderen Gegenden hinzugezogen sind, oft aus Gründen der Landflucht. Sie besitzen erst mal gar nichts, wobei manche durchaus Arbeit finden, auch arbeitsam sind und es mit der Zeit zu einem für ihre Verhältnisse bescheidenen Wohlstand bringen, z. B. Wasser- und Stromanschluß, Kühlschrank und „natürlich“ Fernsehen.

C. P.: Man liest in der Presse über die sozialen Verhältnisse in den Favelas: Kinderbanden, in denen elternlose Kinder Raubüberfälle bis zu Morden begehen, Drogenhandel, Ermordungen, Frauen, die jede Menge Kinder haben und deren Väter verschwinden etc.. Können Sie das bestätigen?

Dr. R. Völker: Alles, was man darüber hört oder zum Beispiel in dem Film „Cidade de Deus – City of God“ gesehen hat, gibt es - auch in Monte Azul. Von den marodierenden Kinderbanden einmal abgesehen vielleicht, dafür ist der pädagogische Impuls dort zu fest integriert. Im Moment kursiert eine Statistik, nach der in der Großstadtperipherie von Rio oder São Paulo mehr junge Männer an Schussverletzungen sterben als im Irak dieser Tage! Wer auch immer so etwas ausrechnet: Es ist keine Gegend, in der man Kinder abends alleine herumlaufen lassen sollte, aber sie laufen eben alleine herum.
Auf der anderen Seite ist es unglaublich, was sich in den letzten 10 Jahren, seit ich weg bin, getan hat in Bezug auf die Verbesserung der Lebensbedingungen. Die Basis ist aber nach wie vor die einer Armensiedlung, mit all den typischen Problemen: die Arbeitslosigkeit in São Paulo beträgt insgesamt 25 %, die Jugendarbeitslosigkeit liegt wesentlich höher - was für die jungen Menschen gleichbedeutend ist mit existenzieller Perspektivlosigkeit. Und das hat zur Folge das Problem der Drogen und der Kriminalität. In Monte Azul findet man das in genauso erschreckender Weise wie anderswo auch, nur ist die Perspektivlosigkeit nicht ganz so drastisch, sondern es besteht für den Einzelnen die Möglichkeit, etwas anderes in sein Leben hineinzunehmen. Manche tun das, andere aber nicht.

C. P.: Was ist dort in den letzten 30 Jahren entstanden?

Dr. R. Völker: Ute Craemer hat als Lehrerin in der Waldorfschule in São Paulo gearbeitet und wohnte am Rande von Monte Azul. Viele Favelas liegen mitten in der Stadt, und auf der anderen Straßenseite wohnen Menschen in ganz normalen Häusern zur Miete. So kam sie mit den Favela-Kindern in Kontakt, die am Zaun standen und riefen: “Hast Du uns etwas zu geben?“ - Ute begann damals, mit den Kindern zu arbeiten, beispielsweise in Form von Schulnachmittagen, Schularbeitshilfen. Daraus hat sich bis heute entwickelt, dass viele Favela-Bewohner überhaupt einen staatlichen Schulabschluß machen können, weil sie die dafür nötige Unterstützung erfahren, die jedes Mittelstandskind normalerweise zuhause von den Eltern bekommt. Vieles weitere geschah dann aus der Notwendigkeit heraus, mit den Dingen umfassender umzugehen: Zum Beispiel wurde das Ambulatorium gegründet, eine Art Gesundheitszentrum, in dem Ärzte und andere Heilberufler tätig sind. Die Notwendigkeit dafür ergab sich schon daraus, dass kranke Kinder nicht am Unterricht teilnehmen können. Man muß sich vorstellen, dass Monte Azul an einem Bach liegt, der erst in den letzten Jahren verrohrt wurde und der damals kontaminiert war mit allen möglichen Krankheitskeimen und Abwässern: die Kinder waren zum Beispiel allesamt chronisch verwurmt!

So ergab sich aus einer Initiative die nächste. Nach dem Gesundheitszentrum wurde eine Bäckerei gegründet, in der endlich gesunde Nahrungsmittel hergestellt werden konnten, die dann in den Kindergärten der Siedlung verteilt werden. Da viele Mütter arbeiten gehen müssen, können sie ihre Kinder nicht beaufsichtigen und das wird dann dort gemacht.

Im Laufe der Jahre entwickelte sich aus der direkten Arbeit mit den Favelabewohnern eine ganze Reihe von Einrichtungen, die die Lebensbedingungen der Betroffenen durch beständige Anleitung zur Selbsthilfe grundlegend und nachhaltig verbesserte: fließend Wasser, Abwasserkanäle, Kindergärten, Erwachsenenbildung, Krankenstationen, Müllrecycling, Gewaltreduzierung und vieles mehr. ... Die „Associação Comunitária Monte Azul“ versteht sich heute als sozialpädagogische Bildungswerkstatt, in der Favelabewohner, Mitarbeiter und freiwillige Helfer aus Brasilien und aus dem Ausland in einen Erfahrungsaustausch kommen können, um miteinander zu arbeiten und voneinander zu lernen. So haben schon Hunderte von Praktikanten in den Kindertagesstätten die Waldorfpädagogik kennengelernt, haben ihre praktische Erfahrungen durch theoretische Erwachsenenkurse ergänzen können und arbeiten nun in anderen Sozialwerken in São Paulo oder anderen Teilen Brasiliens.

C. P.: Hatte Ute Craemer zum Aufbau des Projekts Hilfe, auch aus Deutschland, bekommen?

Dr. R. Völker: Es war ihr immer wichtig, dass es ein brasilianisches Projekt ist, auch wenn sie Deutsche ist und die Anthroposophie ihre Wurzel ebenfalls in Mitteleuropa hat. Die ersten regelmäßigen finanziellen Zuwendungen kamen von einer brasilianischen Firma; ohne die Hilfe aus Deutschland wäre es aber ganz sicher nicht gegangen. Der Impuls der Entwicklungshilfe ist im Prinzip global. Insofern sind im Laufe der Jahre weltweite Beziehungsgeflechte entstanden, und es hat sich ergeben, dass junge Menschen aus allen Teilen der Erde nach Monte Azul kommen. Inzwischen gehen auch junge Brasilianer zeitweise in die Welt hinaus – ein positiver Aspekt der Globalisierung.

C. P.: Die jungen Menschen aus der ganzen Welt - Zivis, Waldorfschüler – was machen sie dort?

Dr. R. Völker: Viele gehen in sehr jungen Jahren dorthin und bringen noch keine Berufserfahrung mit. Es gibt auch andere, die als Elektriker, Krankenpfleger, Arzt etc. ihre Fähigkeiten einbringen, aber die meisten anderen werden in eine der vielen Initiativen mit hineingenommen, z. B. in die Bäckerei oder in den pädagogischen Bereich. Einige studieren auch anschließend in Brasilien, zum Beispiel zur Zeit Dennis Pauschinger, der nebenbei aber immer noch die internationalen Kontakte für Monte Azul pflegt und zum Beispiel für Anfragen aus dem Ausland zuständig ist.

C. P.: Sie waren damals auch einer dieser jungen freiwilligen Helfer. Was haben Sie dort gemacht?

Dr. R. Völker: Meine Idee war, innerhalb des Ambulatoriums die Zahnstation, die es dort auf sehr einfachem Niveau schon gab, so auszubauen, dass es für brasilianische Zahnärzte attraktiver würde, dort tätig zu sein. Es hatte immer wieder mal Brasilianer gegeben, die ein bis zwei Wochen dort arbeiteten, aber weil alles fehlte oder kaputt war, gingen sie dann wieder weg. Zahnmedizin ist nun einmal an Präzisionsarbeit gebunden - die Schaffung der dafür notwendigen Grundlagen überfordert aber die Möglichkeiten der jungen brasilianischen Kollegen, sich auf idealistischer Basis neben der eigenen beruflichen Existenzsicherung einzubringen. Insofern wollte ich neben meiner normalen Tätigkeit als Zahnarzt die Praxis in ihren materiellen Grundlagen aufbauen. Bei meinem diesjährigen Besuch, 12 Jahre später, erlebte ich, dass die Praxis seitdem fortbesteht: es sind zu meiner großen Freude mittlerweile vier brasilianische Zahnärzte da, die im Wechsel dort arbeiten.

C. P.: Inwiefern kommen die Impulse aus der Anthroposophie, z. B. der Waldorfpädagogik, oder der anthroposophisch orientierten Medizin?

Dr. R. Völker: Ich denke, dass sich der anthroposophische Impuls in allen Initiativen von Monte Azul finden lässt – so weit das möglich ist. Reformhauswaren wie bei uns wird man in der Bäckerei allerdings nicht finden, weil man Veränderungen nur an den dortigen Möglichkeiten orientiert durchführen kann.

C. P.: Es werden auch die Menschen angelernt, die dort in den Slums wohnen und aufwachsen!?

Dr. R. Völker: Das ist das ganz Wesentliche: Es ist kein Projekt, das sich jemand am grünen Tisch ausgedacht hat und dann von außen draufsetzt. Solche Entwicklungsprojekte funktionieren erfahrungsgemäß nicht: Wenn die Stadtverwaltung einen Generator aufstellt, ist der am nächsten Morgen schon nicht mehr da! In Monte Azul war es von Anfang an so, dass die Bewohner miteinbezogen wurden, und man ging nie weiter, als sie es unmittelbar selbst verantworten und tragen konnten. Beispielsweise wurden die jüngst angelegten Kanalisationen, die Verrohrung des verseuchten Baches, das Anlegen von Spielplätzen von den Favela-Bewohnern selbst organisiert und ausgeführt. Sie gingen selbst zur Stadtverwaltung, haben die Bauleitung übernommen und die praktischen Tätigkeiten ausgeführt. So erleben sie es als etwas eigenes und es passiert nicht, dass der Wasserhahn, der von der Stadtverwaltung bezahlt wurde, abmontiert wird, weil er in einem Privathaushalt viel „dringender“ als auf einem öffentlichen Platz gebraucht wird.

C. P.: Wie haben die Favela-Bewohner die Impulse, die aus der Anthroposophie kommen und in der Waldorfpädagogik oder Medizin praktiziert werden, übernommen - denn sie sollen ja auch selbst damit arbeiten?

Dr. R. Völker: Was die Medizin anbelangt ist es beispielsweise so, dass man in Brasilien für ganzheitliche Ansätze aller Art sehr offen ist. Bei den Patienten rennt man diesbezüglich offene Türen ein, in der Verwaltung sieht es anders aus. Für diese war damals die Anthroposophische Medizin kein Begriff und wir mussten oft aufpassen, wem wir was erzählen, wenn es offiziell wird. Den Patienten ist es allerdings, ehrlich gesagt, in vielen Akutsituationen wichtig, dass sie überhaupt Hilfe finden und geheilt werden, egal wie.
Anders ist es zum Beispiel in den Bereichen der künstlerischen Therapie, wo es ja nicht um z.B. einen Darmparasiten geht, sondern um den ganzen Menschen. Oder im Bereich der Aufklärung, der Schwangeren-Betreuung, der Geburtshilfe: Gerade die im März 2000 sehr früh verstorbene Hebamme Angela hat hier in unglaublich zäher und unendlich kräftezehrender Weise Pionierarbeit geleistet für einen menschenwürdigen Umgang mit werdendem Leben und einer sanften Geburt, auch und gerade unter den oft erbärmlichen Umständen einer Favela. Ihre bisher schmerzvoll vermisste und unendlich wertvolle Arbeit soll nun in der „Casa da Angela“, dem jetzt im Aufbau befindlichen Geburtshaus, fortgesetzt werden.

Der pädagogische Ansatz ist augenscheinlich und aus sich heraus überzeugend. Wenn man in einen Kindergarten kommt und erlebt, wie die Crêche-(Kinderkrippen-)Kinder singen, die Bilder an der Wand hängen und ein Duft von Harmonie im Raum ist, dann braucht man nichts zu erklären. Manche fragen nach den Hintergründen, besonders wenn sie eine Ausbildung möchten. Relativ viele haben als zunächst angelernte, kochende Krippenmütter den Weg in die Pädagogik gefunden und haben sich in anthroposophischen Kursen oder in der staatlichen Universität höher gearbeitet.

C. P.: Was beeindruckt die jungen Menschen aus dem Ausland, die dort länger arbeiten, am meisten?

Dr. R. Völker: Für jeden ergibt sich ein unterschiedliches Bild. Für die einen ist die Fröhlichkeit der Menschen, trotz schwierigster Verhältnisse, das Beeindruckenste. Ludwig Marcuse hat einmal gesagt: „Die Stilisierung der Vergangenheit und Gegenwart auf „Jammertal“ ist unmenschlich: Wer nie erfahren hat, dass die Hölle auch voller Himmel ist, ist der ärmste Mensch auf der Welt.“ Mir hat dieser Satz damals durch mein Gefühl, dass in Brasilien Himmel und Hölle unmittelbarer und inniger vermischt sind als bei uns, enorm imponiert. - Für andere ist die Gewalt das, was sie am meisten berührt, und sie kommen nach Deutschland zurück und sind froh, dass es hier doch noch anders ist.

C. P.: Und was hat Sie persönlich am meisten beeindruckt?

Dr. R. Völker: Ich habe dort eine Familie gegründet. Mein erster Sohn ist in São Paulo geboren und unter den dort gegebenen Umständen hat mich das natürlich am meisten berührt und innerlich verändert.
Der wesentlichste Aspekt war und wird auch bleiben, dass ich mich nach der Zeit dort in meiner Vielschichtigkeit sehr bewußt wahrnehme. Ich bin nun nicht nur in Hamburg sozialisiert und betrachte die Welt nicht nur unter diesem hanseatischen Blickwinkel, sondern habe verschiedene Perspektiven.

C. P.: Können Sie Ihre brasilianische Perspektive konkretisieren?

Dr. R. Völker: Wir werden es hier in Zukunft auch vermehrt mit den Problemen zu tun bekommen, die in Brasilien schon lange brodeln: das Auseinanderdriften von Arm und Reich. Wir hier haben aber eine starke Fixierung auf dieses Auseinanderdriften, im Gegensatz zu den Brasilianern. Für sie ist es nicht das Wesentliche. Natürlich prägt es das gesellschaftliche Leben, und die Brasilianer der Oberschicht setzen sich normalerweise nicht an den Tisch mit einem Favela-Bewohner. Dafür zahlen diese Superreichen aber auch einen hohen Preis für ihre Privilegien, den ich mal mit der „Angst der Sklavenhalter vor dem Aufstand der Sklaven“ umschreiben möchte. Es herrscht unter den reichen Brasilianern eine manchmal fast schon paranoide Angst vor der Kriminalität, die sie unsicher macht, sobald sie ihre gut bewachten Wohnungen mit den hohen Schutzmauern verlassen müssen. „My home is my castle“, aber sobald sie auf die Straße gehen, leben sie mit dem Gefühl einer Schildkröte ohne Panzer! Wir Europäer sind mit unserer „Festung Europa“ in einem ähnlichen Dilemma. Anders der „normale Durchschnittsbrasilianer“: Im Alltag lebt man trotz aller Sorgen ohne viel Lamentieren mit dem, was man hat und sorgt einfach für sich und die seinen. Das ist eine Einstellung, die ich von meiner Oma, einer einfachen Werftarbeiterfrau, auch noch kenne. Da werden wir insofern einiges wieder zu entdecken haben, wenn wir weiter glücklich bleiben wollen. Seit Marx´ Zeiten fixieren wir uns darauf: „Das Sein bestimmt das Bewußtsein“. Das stimmt natürlich, aber das Sein ist eben nicht nur an materielle Standards gekoppelt. Man kann krank durch Armut werden, aber man wird auch krank, wenn man ständig darauf schaut, was man alles nicht hat oder was einem genommen werden könnte. Lebensqualität hat auch, aber nicht nur - und gar nicht wesentlich - mit einem bestimmten materiellen Standard zu tun.

Zu der Unsicherheit im Materiellen kommt natürlich heute auch noch das Unbehagen über die politische und die sicherheitspolitische Instabilität. Auch wenn der Gewaltaspekt als Unsicherheitsfaktor im Alltagsleben heute bei uns noch viel harmloser ist als in Brasilien, hat doch der Terror-Sommer in London gezeigt, wie wenig es im Grunde braucht, um eine libertäre Spaßgesellschaft, die eben noch öffentlich und ekstatisch den Zuspruch der olympischen Spiele gefeiert hat, in ihren Grundfesten zu erschüttern. Wir werden lernen müssen, wie die meisten Brasilianer, die tägliche Unsicherheit ohne Panik und unangebrachte Angst zu ertragen. Wir werden Bedrohungen nicht mehr vollkommen ausschalten können, aber wir können lernen, mit ihnen angemessen unaufgeregt zu leben. Jeder Brasilianer weiß im tiefsten Innern, dass das Leben hier auf Erden zumindest theoretisch jederzeit ganz schnell zu Ende sein kann. Wir entdecken das gerade erst wieder.

C. P.: Ist das dasjenige, was man von den Menschen dort lernen kann? Was noch kann man von dort mitnehmen?

Dr. R. Völker: Ganz wesentlich ist das eine größere Gelassenheit gegenüber den eben genannten Fragen. Gerade die Anthroposophie bietet hier ja einige Hilfestellung. Aber es gibt auch noch etwas anderes: Ein italienischer Filmemacher, Luciano De Creszenzo, hat in seinem Film „Also sprach Bellavista“ einen neapolitanischen Professor sprechen lassen über die „Völker der Liebe“ und die „Völker der Gerechtigkeit“. Die „Völker der Liebe“ leben mehr im Süden und im katholischen Bereich, die „Völker der Gerechtigkeit“ mehr im Norden und im evangelischen Bereich. Erich Fromm trennt diese Polarität ebenfalls: er ordnet es nur anders zu, nämlich den Impuls der Gnade und Barmherzigkeit der Mutterliebe, den der Gerechtigkeit zum Väterlichen. In vielem, was man aus der Entwicklungshilfe kennt, steckt die Idee, alles gleich machen zu wollen, quasi aus dem Impuls der Gerechtigkeit heraus. Man kann in Brasilien lernen, das zu korrigieren und sein Denken und Handeln mehr in den Liebeimpuls hineinzuführen. Genauso brauchen die Südländer, die im Liebeimpuls leben, zu ihrer Vervollständigung die Gerechtigkeit. Beispielsweise ist die Korruption, die in Brasilien in oft lähmender Weise die Politik beherrscht, die Schattenseite des Liebeimpulses: Ich möchte jemand etwas Gutes tun, zu dem ich eine persönliche Beziehung habe: Mein Sohn bekommt die Stelle, weil ich den Onkel kenne. Das ist der pervertierte Liebeimpuls. Von daher ist es berechtigt, diese Polaritäten als sich entgegengesetzt, aber auch sich gegenseitig ergänzend anzusehen. Und in diesem Sinne verstehe ich auch das Idealbild der vollkommenen, der göttlichen Liebe als diejenige, der allein es möglich ist, den Widerspruch zwischen Liebe und Gerechtigkeit ganz aufzuheben.

Die meisten, die ein Jahr in Brasilien waren, sagten hinterher, dass sie von diesem Land und den Menschen viel mehr bekommen haben, als sie geben konnten.

Umgekehrt ist es aber auch ungeheuer wichtig, was man dort tun kann. Beispielsweise hat Ute Craemer – gerade weil sie Ausländerin war - die Klassengegensätze durchlässiger gemacht. Sie nahm die Kinder der Favela mit in die Waldorfschule – das erregte damals massiven Widerstand! Inzwischen sind die Klassengegensätze dort nicht mehr so krass. Die Zahnärztin Dr. Carola, die heute in Monte Azul praktiziert, arbeitet mit einer Favela-Bewohnerin, die zu meiner Zeit noch Putzfrau war: Lena hat eine ungeheure Entwicklung durchgemacht, so dass sie heute eine sehr umsichtige, verantwortungsbewusste und engagierte Zahnarzthelferin sein kann. Auf der anderen Seite wäre es ohne den Impuls von Monte Azul auch nicht denkbar, dass die brasilianische Mittelstandstocher Dr. Carola als Zahnärztin mit einer Favelabewohnerin zusammenarbeitet! Es wurde auf beiden Seiten so viel Bewußtsein entwickelt, dass man miteinander reden und arbeiten kann. Ich erinnere mich aber auch noch lebhaft an einige Auseinandersetzungen, die wir damals zu überwinden hatten! Ich glaube letztlich, wir haben es in diesem Bereich als Europäer viel leichter als die Brasilianer selbst, weil wir einen Abstand zu den Problemen haben.

Exemplarisch habe ich das 1992 zu Beginn meiner Brasilien-Zeit erlebt, als brasilianische Soziologiestudenten eine Semesterarbeit über Favelas ablieferten und dafür einige Favelabewohner und uns abends in die Universität einluden. Bei der Vorstellung ihrer Arbeit präsentierten sie dann die These: „Die Favelas sind die Krankheit der brasilianischen Gesellschaft - und der Favelado ist der am meisten Kranke“. Das war gegenüber der Bulldozer-Mentalität der damaligen Politik, die die Favelas nur als Problem sah, dass man durch Vertreibung ihrer Bewohner lösen konnte, eine sehr selbstkritische und geradezu revolutionäre Sicht der Dinge! Aber die Favelabewohner selbst haben das gar nicht so gesehen und machten einen Aufstand, weil sie ja als „krank“ bezeichnet wurden. Die Situation wurde damals von einem von uns, den freiwilligen Helfern in Monte Azul, gerettet, nämlich durch den Japaner Daisuke. Er hatte genug Hintergrund, um beide Lager zu verstehen und konnte daher zwischen den Brasilianern vermitteln. Insofern liegt schon eine Berechtigung darin, dass Ausländer eine Entwicklungshilfe leisten können, weil sie als Außenstehende die Dinge mit mehr Distanz, und daher manchmal auch mit mehr Übersicht, sehen können.

C. P.: Ist nach den 25 Jahren ein bestimmter Abschnitt erreicht?

Dr. R. Völker: Monte Azul hat heute eine Dimension erreicht, bei der es in Zukunft darauf ankommen wird, das Gewachsene zu bewahren und weiterzuentwickeln. Es hat sich aus der Tätigkeit einer Einzelnen ein Projekt mit mehreren hundert Mitarbeitern entwickelt. Dadurch, dass es quasi von der Stadt São Paulo entdeckt und dann gefördert wurde, hat man jetzt eine Verantwortung, beispielsweise das Ganze nicht zusammenbrechen zu lassen, wenn die Pioniere aus Altersgründen nicht mehr mitmachen können. Insofern ist viel getan worden, die Verantwortung zu delegieren und auf viele zu verteilen.

C. P.: Anlässlich des 25jährigen Jubiläums kommt eine der Gründerinnen des Projektes, Renate Keller, nach Hamburg und hält in der Lukas-Kirche und der Rudolf-Steiner-Schule Altona jeweils einen Vortrag.

Dr. R. Völker: Ihr Thema wird die „Soziale Kunst als Weg zur Selbstbestimmung in einer globalisierten Welt“ sein, also dass, was uns hier an diesem Projekt interessieren sollte, weil auch wir es in Zukunft verstärkt als Aufgabe zu bewältigen haben. Monte Azul ist eine soziale Entwicklungswerkstatt, in der etwas ausprobiert wird. Bestimmte Ideen werden in die Praxis umgesetzt, man versucht etwas umzusetzen und davon haben alle etwas. Letztlich haben wir hier nicht andere Probleme als die dort: Man muß bei Jugendarbeitslosigkeit, Drogen, Beschaffungskriminalität und vor allem Perspektivlosigkeit etwas dagegen stellen. Und mit Geld alleine sind solche Probleme nicht zu lösen: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein! - In diesem Sinne hat Monte Azul als Entwicklungswerkstatt eine Art Frontstellung und es werden Dinge vorgelebt. Man kann sich dort jederzeit in der Arbeit einbringen, mittun, die Impulse testen, die eigenen Grenzen erfahren - und vielleicht auch erweitern. Ich bin Monte Azul für meine Erfahrungen in diesem Bereich heute sehr dankbar.

 

Favela Monte Azul: Eine soziale Bildungswerkstatt in Brasilien

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